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ExitGraz

Die literarische Kolumne des Grazer Stadtmagazins G7

Opernring 20

Die Stadt ist der Raum dazwischen: In ihren Spalten, wo sie sich eng macht und uns dennoch Platz lässt für unser Leben, unsere Liebesspiele, Intermezzi, zwischen den großen Akten bleibt gerade Zeit genug, rasch miteinander anzustoßen, rasch über die Freitreppen nach unten geflogen und in die Straße hinaus, am Lichtschwert vorbei, dass gliedersteif im Himmel steckt und über den Opernring zum nächsten warmen Licht. Man hält artig die Türe auf, was spielen sie heute, Don Giovanni sagt eine der Damen, noch maskiert unter Lidschatten und Lippenstift, die Männer tragen nur für diesen Abend ihre Männlichkeit zur Kostümierung aus, das sind Mäntel, breite Schultern, lange Schöße, Herr Ober, schnell, die sich für wichtig halten, hält man gehörig auch für wichtig, was es sein darf, Champagner trällert sie ihre Arie, natürlich, was sonst: Sekt Orange.
Der Vorhang fällt und alles, was Rang und Loge hat zieht ein Haus weiter, alles besetzt, Taschen und Stolen und Hüte, vielleicht sei ganz hinten noch ein Tisch... meint Johannes und ich trete näher an den Wintergarten, der das Café und seine Hauptdarsteller vor uns unter seinen Glassturz stellt, Eisblumen daran, dann ein bekanntes Gesicht, Margret, Bausch, Puder und ein paar Mäntel auf den Stühlen nebenan. Sie sieht mich, dirigiert mich mit der Hand weiter an die großen Scheiben, vieni alla finestra, ich solle hereinkommen und ich schüttle den Kopf, halte meine Zigarette hoch, nur mehr in den Ritzen und Nischen dieser Stadt sei Platz für alles Laster und Libidinöse, das Unmäßige und Unerlaubte.
Wer das sei, fragt Johannes und ich zögere einen Moment il catalogo è questo könnte ich sagen, Margret, Mäntel, Männer, Margerita.
Nur die Dame von vorhin, sage ich und Margret winkt mir weiter, streicht mit der Hand über den Plüsch der Sessel, das ist eine Einladung, über die Schenkel und Schultern und Schöße der Mäntel neben ihr, das ist auch eine Einladung, noch eine Runde, Herr Ober und jetzt erst lässt mich Margret wieder aus den Augen, die sind ab jetzt für einen anderen bestimmt, der spielt mit ihnen und der Kellner fliegt als eine in ihrer Sprachlosigkeit wie in der Steifheit ihrer Glieder hinter der Zeit zurückgebliebene Stummfilmfigur, schwarzweiß, durch das bunte Treiben an den Tischen, beugt sich eins zum anderen, die Inszenierung... wenn wir kein Abo... nicht einmal Mozart verewigt sich mit Lippenstift am Glasrand, dann geht es wie ein Vogelflug über die Tische, der erste Gong bereits, die Pause ist vorüber, hält einer sein Handy in die Höhe, zum Beweis wie zur Bewunderung, ein Schnattern ein Schwärmen, ein Scharren von Stuhlbeinen, Stilettos, Stiefeln auf dem Boden, dann wandelt sich das Lärmen in Bewegung und auf und auf einszweidrei und nach draußen über die Straße und zum Opernhaus und zwischen dem Flügelschlagen fällt Margrets Blick zu mir zurück und gefriert am Glas zu Eis, vieni alla finestra, o mio tesoro, das ist Johannes' reglose Miene in der Halbreflexion der Scheibe, in meinem Rücken, als ein steinerner Gast ihrer Feier.

Georg Petz
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