www.georgpetz.at

ExitGraz

Die literarische Kolumne des Grazer Stadtmagazins G7

Franziskanerplatz

Februar frisst die Fundamente der Festungsstadt, frostbrüchig noch während der Nächte und ein weicher und feuchter Gaumen tagsüber, in den alles hineingeht: Schritte und Fußspuren und unsere Wege, die wir nehmen, die führen alle in den Grund hinab, ins Erdreich, worin wir lautlos den jüngsten Frühlingstag erwarten, unsere Knochen als Saatgut ausgestreut und ab und zu huscht es warm an uns vorüber, geht ein Fleisch an uns vorbei, carne vale, Arm in Arm einandereingehängt, einander in enger Umklammerung ins Wort gefallen, rasch, rush, wir müssen weiter, der Zug ist schon um die nächste Ecke.
Vom Hauptplatz kommt Musik, kommt Lärm, die eherne Stimme der Lautsprecher von der Veranstalterbühne blechtrommelt eine Parade Buntgekleideter im Stechschritt durch die Stadt: ihr Narren, geht in Deckung zwischen den grell beflaggten Wägen: Panzer, Standarte, der Unsinn jeder Uniform bleibt als ihr Nachhall zwischen den Häuser hängen und verliert sich in den Lokalen vom Freiheits- bis zum Franziskanerplatz, noch einmal gibt man Glühwein aus, Confettiregen, Faschingskrapfen,  Puderzucker auf dem Pflaster und den Wangen der Vorschulkinder, die ganze weiße Welt entgrenzt und kostümiert als das, was man den Rest vom Jahr  für Unsinn hält, das bannt man jetzt mit einem Lachen: Mohren, Männer in Frauenkleidern, wolllüstige Weiber selbst, bunte Mützen, Mönche, Mäuse und anderes Getier, Posaunenlärm und Potentaten und die paradoxe Poesie von den Rändern des Geschehens: eine Frau im Pelz flieht vor der wilden Jagd, als wäre das tote Tier, das sie am Körper trägt vor deren Horn- und Trommelstößen aufs Neue auferweckt und wieder Hatz und Todeskampf als Balg auf ihren Schultern, mit ihren  Knochen nun in seinem Leib fällt sie erneut dem Boden zu. Einer hält ihr die Hand hin, hilft ihr auf.
Zwei Frauen stehen mit verschleierten Gesichtern neben dem Franziskanerkloster und schreiben Fragen in die Blicke derer, die zum Hauptplatz hasten: Was ist Kostüm, was Komik, was Folklore und wo verläuft der Bruch zwischen der Wirklichkeit und unserer Welt: in unseren Augen. Ein Kind hat seine Sprache noch nicht gefunden und trägt stattdessen die tote seiner Eltern vor sich her, der große Wagen war der beste, der mit den... und wenn es still hält, zieht es die Mutter näher zu sich her, näher zum Vater an der Hand, damit der nicht so leicht darüber hinwegsieht und zu den Ausschnitten und langen Beinen, die in anderer Richtung weiterziehen, eine Schulklasse vom Sacré Coeur oder ein paar derbe Gören vom anderen Flussufer, Undinen, die Wassermusik ihrer Gespräche geht langsam über die Brücke und mit den letzten Schollen und Schneebrettern die Mur hinab: das ist ein frigider Strom im Fleisch der Festungstadt, an ihren Mauern, Schwemmsand, und in seinen Höhlen und Becken sammeln sich die Farben eines nicht mehr fernen Frühlings am Papier: die Nester der gefallenen Luftschlangen und ihre glatten Glieder, noch reglos und nur mit den Köpfen über dem weichen Boden, darin die Stadt sich jedes Jahr ein weniger mehr verliert, und lauernd, reglos noch, auf das Ende der Eiszeit.

Georg Petz
Übernachtungen
Anatomie
TausendendjährigeNacht
UnstillbareWut
Stimmenfang
VonBuchzuBuch
Eiszeit
GlänzendesGraz
Grazer_Tagebuch
8ung

Elisabethstraße 30

15. 9. 2010

Sporgasse 29

17. 10. 2010

Opernring 20

28. 11. 2010

Franziskanerplatz

13. 3. 2011

Smells Like Teen Spirit

2011

Schillerplatz

16. 10. 2011