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ExitGraz

Die literarische Kolumne des Grazer Stadtmagazins G7

Smells Like Teen Spirit

Jeden Tag fällt der Himmel aus den Wolken und tut spiegeltiefe Abgründe im Asphalt der Straßen auf, fasst die Stadt in gefräßigen Facettenaugen: Wasserwege, Pfützen, man steigt darüber hinweg, springt auf hohen Absätzen im Chassé hinterher und eins zwei drei, von oben trommelt ein anderer Takt gegen die Scheiben als der der Sommergewitter, und komm, wir sind schon spät, die Tür zur Straße steht offen, die Hitze und die Schwüle streichen wie nasse Katzen aus dem ersten Stock das Treppenhaus hinab, Flyer auf den Treppenstufen, tragen noch das Parfum und den Kajal und Lippenstift der ersten Aufregung: Tanzabend wie jeden Samstag.
Und komm, hinunter und hinein zur Garderobe zwischen die Girlanden und Lampions von Handtäschchen und Regenschirmen und den schlanken Säckchen für die Tanzschuhe: schlaffe Fahnen, aber Farbe, und Vorfreude, und Aufforderung und vier fünf sechs, was ist das, ein Foxtrott, und dann ist da schon das nächste Pärchen hinter ihnen aus dem Regen unter die Deckung, unter die Decke eines anderen Himmels eingegangen und fort, und weiter, und stößt sie hinaus und in der Mitte des Raumes blinkt funkelnd ein Facettenauge, Spiegelball, dreht sich, bricht das Licht und die Musik und die Tanzpaare im Splitterbild, ein glashell irisierender und sich drehender Schwarm, nein, das ist doch ein Walzer, und man fasst sich noch unsicher, berührt sich nur mit Fingerspitzen nur nicht mit den Hüften, und sonderbar, welcher Zauber jener Scheu doch innewohnt, die uns einander zu jedem Anfang nur als fremdes Terrain begreifen lässt, betasten und befassen, bevor wir uns zu bald im gleichen Schritt zu ähnlich werden, und eins im Schritt und der Musik.
Und komm, hinunter und hinauf, und sie wird ihm die Schritte in sein Ohr zählen als eine erste Zärtlichkeit und über seine Schultern hinweg mit tiefen Augen all den anderen Paaren nachgehen, als seien Takt und Drang und jener Weg, der sie im Kreise treibe, zugleich auch der, den sie zu nehmen hätten, und das wären sie bald, mit dem nächsten Schritt, der junge Mann dort, dem schon ein Bart stehe und die junge Frau, die mit ihm tanze und ihr Busen und ihr Hüftschwung, der dem seinen nicht länger auszuweichen suchte, und weiter, und wieder weiter jenes Paar Becken an Becken, da regt sich nichts dazwischen, nur der Schritt, sein Stoßen und sein Rollen, legt noch eine Bewegung daran an, aber die Augen, und wie man sich nur so drehen kann, ohne die Augen voneinander zu lassen.
Und weiter, am anderen Rand des Saales, zwischen den Spiegelwänden gefangen wie im ewigen Eis und ihr Bild vieltausendmal vervielfacht und zur Unendlichkeit bereits: ein Paar, das ihnen auf Schritt und Tritt und nur aufs Haar nicht ähnelt. Die gleichen ungelenken Schritte, die Kälte von Silber und Kristall bereits im Fleisch und an den Knochen, und alt, und dann ist es mit einem Mal wie ihr eigenes Gesicht und seine klamme Hand an ihrer Schulter und sie muss stehen bleiben, was hast du, und komm, weiter, und da ist bereits die nächste Drehung und das Bild im Spiegel ist ein anderes, erneut, und siehst du, lacht er zu ihr, es geht ja doch, und vor dem Fenster steht das Wasser, immer noch: ist der Himmel uns weit.
Georg Petz
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