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ExitGraz

Die literarische Kolumne des Grazer Stadtmagazins G7

Schillerplatz

Und jede Stunde wächst uns jetzt ein Tod wie grüne Früchte, mit Trauerrändern an den Bäumen. Die Kleidung wird uns weit, ein offenes Gewebe, und jedes Jahr fällt unser Blick ein wenig weiter,  welk, bis wir ihn nicht mehr oft vom Boden nehmen, wohin uns unser letzter Weg verführt, worüber wir verloren gehen: im Laub, und unsre Fußspur fällt ganz lautlos darin ein. Folgt wie der eine Tag dem nächsten einer abgeblühten Lichterspur im Herbst: den Autoschlangen nach, die ihre roten Grablaternen weiter Richtung Vorstadt tragen.
Vorbei am Schillerpark: Da wohnen Menschen blass wie Nebelschleier im schmalen Raum zwischen den Scheiben und Gardinen ihrer Zimmerfenster, bauschen sich manchmal kalt am Glas, dann gibt es was zu sehen: ein Blaulicht, das vorüberfährt, oder ein Paar, das unter den Platanen Platz nimmt und sich für eine Zeit im Arm hält und dann trennt, und er sinkt welk zu Boden hinter ihren Schritten her, oder er reiht sich ein zwischen die Schatten, die an der Straßenbahnendstation die Überfahrt erwarten, oder weint: oder der Herbstwind schreibt in seine Züge noch einen kurzen Trennungsschmerz und dann ein umso längeres Vergessen, während sie weitergeht, und weiter geht es, weil im Herbst die Früchte reifen, die der Frühling blütenschlagend sät und jedes Ding und jede Liebe trägt in ihrem Kern den eignen Tod, und nun ist Erntezeit.
Und sie ist fruchtbar, und es zieht sie fort, um reiche Frucht zu tragen.
Ohne sich umzusehen.
Jede Nacht in dieser Stadt hat nur ein Ende: Dort hält ein toter Dichter Hof.
Der Gastgarten liegt leer; die Kronen der Kastanienbäume wurzeln dick in einem eingestürzten Himmel, wie Adern im Granit. Und weiter, durch die Doppeltüren aus schwerem, schwarzem Holz. Und schwarze Menschen stehn an schwarzen Tischen, das ist die Unterwelt und ihre eigene Musik und ihr Geruch und ihr Geschmack: nach Rauch und kalter Asche und eine Sehnsucht ist darin nach vollen Früchten und reifem Samen und man drückt, je mehr die Zeit vergeht, sich umso enger aneinander, mit schwerem Kopf und hohlen Schößen und weichen Brüsten, die mit jedem Herbst ebenso ein wenig tiefer fallen, und komm, worauf noch warten, und sie lacht, aber sie wartet und dem Wartenden bleibt wenig mehr, als einen langen Herbst von ihr zu träumen, und wenn sie tanzt, dann sammeln sich um sie die Tanzenden.
Und jeder Sünder findet in der Unterwelt rasch seine Sünde: die Spieler und die Trinker und die Langmütigen, deren Gewinn und Fluch zugleich die Trinker und die Spieler sind. Die sie ertragen, und nur ein schwarzer Tresen trennt sie voneinander, dann tönt ein Gong: man bahnt sich seinen Weg mit kahlen Tellern und gelehrten Gläsern, und einer schiebt sie kurz zur Seite, die Hand an ihrer Hüfte, rutscht ein wenig tiefer, sie dreht sich rasch nach links und die Hand fasst nur den Schatten ihrer Pirouette, und weiter: an die nächste breite Schulter. Man muss für sich zwei starke Arme finden, bevor man fällt, und sie für sich erwärmen, und einer sieht sie an und seine Augen erzählen von der Schönheit, die sie ist, und wollen tiefer gehen und sie dreht sich noch einmal, dreht sich dieses Mal zu ihm herum, und plötzlich ziehen ihn die Schatten weiter, die ihn umstehn, und er sinkt in die Unterwelt zurück und ist aus ihren Augen und der Nacht, die steht im schwarzen Mantel vor den Fenstern.
Georg Petz
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