Sporgasse 29
Die Stadt trägt eine Zeit lang noch den Sommer als warme Farbe zur Fassade, Fels, die Sonne liegt ihr im Gestein wie ein verschlafenes Reptil, wird sich schon bald zurückziehen in die Zwischenräume unsrer Schritte, zwischen das Kopfsteinpflaster und die Nacht darüber und die Kälte und der Herbst. Fegt wie Laub die Leute durch die Gassen, geht man Arm in Arm zum Schlossberg hinauf, wieder, die Vodkaflasche wärmt die Jackentasche im Schutze ihrer Dunkelheit, im Schutz der Dunkelheit trifft man sich, wieder, die Ferien vorüber, seit zwei Wochen Schule, aber noch passiert nichts, nur in der Stadt sind die Studenten allmählich wieder eingeflogen, ein in den Süden vernarrter Vogelschwarm, füllt nun die Lokale die Sporgasse hinauf, die Nischen und die Nistplätze darin, die Haltestelle, Sorger, Trailer, Catarina because the night belongs to lovers und weiter so und so fort als Endlosschleife, im Kontinuum.
Die Nacht trägt dunkle Ränder um die Lider, stark geschminkt, Abschlussklasse, denke ich, erstes Semester, noch nicht mehr. Sie spricht mich an, die Freundin als ein Accessoire unter den Arm geklemmt, unter dem anderen Arm eine große glanzlackierte Plastiktasche, was denn mit dem da los sei und sie deutet auf Johannes, der neben mir am Gehsteig sitzt und starr zur Seite sieht, zum Himmel, zum Karmeliterplatz, als wohne dort: eine größere Hoffnung.
Seine Freundin hat sich von ihm getrennt, sage ich und die beiden Mädchen nicken, komm jetzt, sagt die eine und fasst die Nacht an den Schultern und die beugt sich zu mir und ihr Atem kristallisiert vor meinem Gesicht, ihr Vanillegeruch, ihr Make up und der Gloss auf ihren Lippen, ob ich eine Zigarette für sie habe, fragt sie und ihre Freundin stößt einmal kurz mit dem Absatz gegen das Pflaster, ein ungeduldiges Luftholen.
Das wird schon wieder, sagt sie zu Johannes und sieht mir in die Augen, dann Gesang, die russische Hymne wirft ihren Schatten lang voraus, ein Stückchen weiter unten kommt eine Gruppe Studenten um die Ecke, sehen zu uns herauf, sehen die Nacht, wenden sich um und marschieren in Richtung Hauptplatz.
Wenn die Nacht mir die Zigarette weiterreicht, wird ein wenig von ihrem Lipgloss auf dem Filter hängen, ein wenig Vanillegeruch, der Filter selbst weich und ein wenig feucht und ich werde die Zigarette an Johannes weitergeben, der sagt kein Wort und blickt immer noch zur Seite, wird stumm vor sich hinrauchen, während die Nacht sich weiterdreht, komm, sagt ihre Freundin, wir müssen noch, Shisha mit Apfelgeschmack.
Wie ich heiße, fragt die Nacht, und sie werde nach mir suchen, nur für den Fall, dass ich andere Gesellschaft brauche und sie deutet mit den Augen auf Johannes, ihr blondes Haar, ihre Freundin am Arm, lacht, die Tasche, ihr hoher Schritt über dem Pflaster und die Nacht bleibt still fortan.
Arschloch, sagt Johannes und ich weiß nicht, wen er meint. Dann geht in unserem Rücken die Tür auf, die Luft aus dem Inneren des Lokals wie die Erinnerung, ein heißer, atemloser Sommer und die Musik als sein Nachruf in der Stadt, Echo zwischen den Felsen, because the night belongs to us.